• Christoph Burgmer

Audio: Tod dem Diktator --------------------- مرگ بر دیکتاتور

Updated: Nov 29

Gespräche zur moderne Geschichte Irans, zur iranischen Frauenbewegung und zur atomaren Aufrüstung.


 


Iran ist ethnisch, geographisch, sozial und politisch äusserst komplex. So sind die westlichen Erklärungsmuster wie "Mullah Regime" und "Islamischer Staat" etwas einfach und bedienen mehr das westliche Sendungsbewusstsein gespeist von der neoimperialen Idee moralischer Überlegenheit. Die realen Ursachen des zyklisch auftretenden Widerstands gegen das islamisch ausgerichtete politische System können sie nicht erfassen. In der Beurteilung der aktuellen Situation in Iran ist die Kritik am Kopftuchzwang zwar zwar notwendige Mobilisierung, gerade angesichts tausender politischer Gefangener, aber die Forderung nach Eimischung des Westens nichts anderes als ein ergänzender Teil des Krieges in der Ukraine. Sie folgt bellezistischen Weltordnungsvorstellungen, die mehr mit der militärischen Mobilisierung der Zivilgesellschaften durch politische Parteien selbst als mit der einer politischen Perspektive Irans zu tun haben. Denn die seit über 40 Jahren institutionalisierte Islamische Republik Iran mit ihren Eckpfeilern des "welayat-e faqih", innenpolitisch, und dem antiamerikanischen und antiisraelischen, nicht anti-westlichen Aggressionen außenpolitisch hat die iranische Gesellschaft zutiefst geprägt und verändert. Ein mit Gewalt herbeigeführter Sturz des Regimes im mit 80 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land Mittelasiens hätte ähnliche Folgen wie in Lybien, dem Jemen oder Irak. Zurück bliebe ein "failed state". Denn mit dem Sturz der islamischen Republik würden die Ursachen für die gesellschaftlichen Verwerfungen nicht beseitigt. Dies sind unter anderem rasante Entwicklungen im Bereich des Bevölkerungswachstum, der Verstädterung und Landflucht, der Umweltzerstörung und des Klimawandels (Wassermangel), der Bildung und der fehlenden Integration von 1,5 Millionen Flüchtlingen, insbesondere Afghanen. Dazu gesellen sich zunehmende Gegensätze zwischen Stadt und Land, die kapitalistische Ausbeutung der Arbeiter durch eine Klientelwirtschaft, die Säkularisierung der städtischen Bevölkerung sowie die Vergreisung des religiösen Herrschaftspersonals. Welche Folgen eine westliche Intervention hätte, sieht man an Irans Nachbarländern. Die Gesellschaften in Irak, Afghanistan und Syrien sind politisch massiv destabilisiert ohne dass Hoffnung auf die Etablierung stabiler demokratischer Institutionen besteht. Solche Institutionen sind weder im Interesse der Großmächte und des Westens noch im Interesse der klandestinen innenpolitischen Profiteure eines solchen Sturzes. Für den Westen zählt allein die weltwirtschaftlich bedeutende Lage Irans am Persischen Golf. Eine Region, deren Beherrschung Ausdruck geopolitischer Hegemonialität der USA und ihrer sunnitisch geprägten Verbündeten auf der Arabischen Halbinsel ist, allesamt Diktaturen, deren demokratische und emanzipatorische gesellschaftliche Entwicklung weit hinter der Irans zurückhängt. Ihre menschenverachtende Praxis führte bislang weder zu Sanktionen noch zu Demonstrationen. Im Gegenteil: Angesichts der Energiekrise des Kapitalismus infolge des Ukrainekrieges gaben sich die politischen Eliten Deutschland bei Besuchen dort die Klinke in die Hand.

Der seit dem Zarenrreich starke Einfluss Rußland in Iran ist, trotz der Bemühungen Putins seit dem Überfall auf die Ukraine sich politisch enger an Iran anzubinden, dagegen auf vielen Ebenen inzwischen zurück gedrängt, durchweg unpopulär und reduziert sich auf Waffenlieferungen. Rußland als billiger Warenlieferant ist inzwischen durch China ersetzt worden. Es gibt weitere Konfliktlinien in Iran wie der verbreitete Rassismus und Antisemitismus, die Diskriminierung von ethnischen Minderheiten wie Kurden und Bahai und die massive Jugendarbeitslosigkeit.

Kurz: In der Beurteilung der aktuellen gesellschaftlichen Situation Irans und der Protestbewegung sind historische Bezüge zur realistischen Einschätzung der Situation unverzichtbar. Deshalb ist es auch nicht ganz so erheblich, dass diese Gespräche schon vor Jahren geführt wurden. Zusammen bilden sie eine kurze, prägnante Information über verschiedene Aspekte der iranischen Gesellschaft, der Politik, Religion und ihre internationalen Verflechtungen.


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Christoph Burgmer studierte Iranistik in Freiburg i.Br., Berlin und Teheran. 1988/89 gehörte er der ersten westlichen Studentengruppe, die nach der Islamischen Revolution 1979 auf Einladung der Universität Teheran in Iran studierte. Er arbeitet als Autor und Journalist.

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